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Wie Gedanken unser Leben bestimmen
Esoterische Philosophie ~ Weisheit der Zeitalter
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Wie Gedanken unser Leben bestimmen

Thorsten Buhmann

„Der Mensch ist ein Denker!“ Diese zentrale Aussage der Esoterischen Philosophie weist darauf hin, dass unsere wirklich menschliche Evolution im Denken stattfindet. Unser Denken ist mit unseren vergangenen Leben aufs Engste verbunden, denn mit jeder Wiedergeburt nehmen wir die dominanten Gedankenströme unserer vergangenen Leben wieder auf. Wie eine Spinne ihr Netz webt, weben wir mit unserem Denken, Stunde für Stunde, Tag für Tag und Gedanke für Gedanke unsere Seele und unseren Charakter, und dies von Leben zu Leben bis zum heutigen Tag und zur gegenwärtigen Stunde. Wir sind heute das, zu dem wir uns in der Vergangenheit mit unserem Denken gemacht haben. Und wir werden morgen derjenige sein, zu dem wir uns mit unserem heutigen Denken machen.

Prof. Dr. Gottfried von Purucker beschreibt diese schicksalhaften Vorgänge sehr eindrucksvoll: „Aufgrund karmischer Reaktionen wirken die Gedanken, die wir in einer Inkarnation denken, in der nächsten Inkarnation, ja in allen nachfolgenden Wiederverkörperungen, sehr stark auf uns ein. Allgemein gesprochen, wachsen und entfalten wir uns, das heißt, wir evolvieren durch und mittels Gedanken. Wir denken Gedanken und werden durch diese, je nachdem, stark oder schwach beeindruckt und beeinflusst. Unauslöschlich prägen sie sich in das Gewebe unseres Wesens, unseres Bewusstseins ein. Wir sind eine wunderbare magische Bildergalerie in allen sichtbaren und unsichtbaren Teilen unserer Konstitution. Unser gesamtes konstitutionelles Wesen, sowohl als ein Ganzes als auch in seinen Teilen, das heißt kollektiv und distributiv, ist wie ein ungeheurer, empfindlicher fotografischer Film, der sich ständig erneuert und ununterbrochen Eindrücke aufnimmt und festhält. In einem gewissen Sinne ist es wie ein Palimpsest (ein von neuem beschriebenes Pergament), das Eindruck auf Eindruck empfängt, wobei jeder unauslöschlich bestehen bleibt und doch auf magische Weise modifiziert wird, obwohl alle nachfolgenden Eindrücke darüber gelagert sind. Alles, was sich vor dem ,Film‘ abspielt, wird ihm sofort aufgeprägt, wird psycho-fotografiert, und der ,Film‘ sind wir. Jeder von uns ist ein solcher psycho-fotografischer ,Film‘, und dies ist die Art und Weise, in der unser Charakter aufgebaut, geformt und gestaltet wird. Aus diesem Grunde beeindrucken ihn natürlich auch die Gedanken, die wir denken, die Gefühlsregungen, die wir erleben, die Leidenschaften, die uns leiten bzw. missleiten, und sogar die Handlungen, die durch diese verursacht werden. Es ist daher von größter Wichtigkeit, dass wir unseren niederen Denkapparat, die untere mânasische Fähigkeit, ganz besonders regulieren, damit die Gedanken, denen wir erlauben, unser Gemüt zu durchwandern, Eindrücke erhebender und immer hilfreicher Art hinterlassen.“[1]

Gedanken sind lebende Wesen

Unser Universum ist in seinen unzähligen Schwingungsraten durch und durch belebt, und so sind auch Gedanken, als ein untrennbarer Bestandteil unseres Universums, evolvierende Wesen. Sie sind Bewusstseinseinheiten, die nicht im menschlichen Denkprinzip entstehen, sondern in der mânasischen Welt leben und von uns entsprechend unserer Denkgewohnheiten angezogen werden. Sie ziehen durch unser Gemüt und unsere Seele, und dabei geben wir ihnen neue Lebenskraft und somit neue karmische Impulse. Hierin liegt unsere große Verantwortung. Wir sind für die Impulse verantwortlich, die wir diesen Gedankengesellen mitgeben – eine Verantwortlichkeit, die weit über unseren Tod hinaus wirkt und zukünftiges Karma auslöst.

In unserem täglichen Denken ziehen wir die Gedanken an, die aufgrund ihrer Charakteristik mit bestimmten Schwingungsraten unserer Seele in Harmonie und Sympathie stehen. Einmal zieht unsere höhere Seite, ein anderes Mal unsere niedere Seite Gedanken an, je nach dem augenblicklichen Fokus unseres Bewusstseins. Wenn wir die Charakteristik der Gedanken verstehen, haben wir einen wunderbaren Schlüssel zur Lösung vieler Lebensprobleme gewonnen. Bewegen wir Gedanken als „Durchgangsstation“ in unserer Seele oder denken wir über sie nach, geben wir ihnen bildlich gesprochen „Nahrung“ und somit neue Impulse und Kraft. Ignorieren wir einen Gedanken, indem wir unsere Aufmerksamkeit und Konzentration anderen Gedanken zuwenden, lassen wir ihn „verhungern“. Da Wesenheiten die natürliche Tendenz und Vorliebe haben, nur dort zu verweilen, wo es ihnen gut geht und sie leben können, bildet sich durch die vorherrschende Art unseres Denkens, d. h. dadurch, welche Gedanken wir beständig aus den Wogen der Gedankenströme anziehen, von Leben zu Leben unser Charakter.

Ein Mensch, der sich in seinem Leben vorwiegend für die Schönheit der Künste interessiert, wird von der Dominanz her entsprechende Gedanken aufnehmen. Ein Mensch, der ein technisches Weltbild hat, wird ebenso verstärkt entsprechende Gedanken aufnehmen und anziehen. Da wir aber sehr vielschichtig zusammengesetzt sind, empfangen wir natürlich nicht immer nur aufbauende Gedanken, sondern auch Gedanken, die uns quälen, in Versuchung führen und, allgemein gesagt, unsere schlechtere Seite hervorholen. Doch wie können wir damit umgehen? Die Lösung ist offensichtlich, da wir bei Gedanken von lebenden Wesen ausgehen können: Wir können sie ignorieren, sie einfach in unserer Seele verhungern lassen, indem wir ihnen keine erneuten Impulse geben und uns einfach nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen und beschäftigen. Gedanken und Ideen, die uns quälen oder die niedere Natur in uns anstacheln, sind Trugbilder aus unserer eigenen Vergangenheit. Wir stehen ihnen karmisch bedingt wieder gegenüber, und sie haben außerhalb von uns keine Wirklichkeit, wie Gottfried von Purucker sagt. In diesen Momenten sollten wir genau das Gegenteil von dem tun, was in der modernen Psychologie heute gang und gäbe ist: Wir sollten die niederen Gedanken nicht noch dadurch bestärken, indem wir sie immer und immer wieder beleben. Im Gegenteil ist es hilfreich, Gedankenbilder zu imaginieren, die dem höchsten und schönsten unserer Ideale entsprechen. Von Purucker macht deutlich, dass wir allein durch uns selbst leiden, wenn wir disharmonischen und düsteren Gedanken erlauben, Teil unseres Lebens zu werden:
„Vergiss die üblen Gedanken und gib ihnen nicht ein künstliches Leben, indem du sie als Erinnerungsbilder in deiner Vorstellung erstehen lässt, um sie dann zu bekämpfen. Vergeude deine Energien nicht im Kampf gegen Unholde, die Gaukeleien und Gespenster deiner Einbildung. Dies sind nur die Trugbilder deiner eigenen Einbildungskraft und sie haben außerhalb von dir keine Wirklichkeit. Doch können dich diese Erscheinungen und Gespenster manchmal überwältigen und sie können zu einer zeitweiligen Wirklichkeit werden, weil du ihnen das Gerüst und die Macht der Gedanken gegeben hast. Du kleidest diese Dinge in Gedanken ein, und Gedanken jener Art werden deinen Körper dann beherrschen.

Stelle dir das Gegenteil vor. Male Bilder von Schönheit und Stärke in deinem Gemüt. Wenn du von diesen hässlichen Zerrbildern heimgesucht wirst, so male dir schöne Dinge aus. Das ist viel angenehmer und anziehender. Es ist ein wunderschönes Bestreben und es ist immer wirksam. Schaue Dinge hoher und erhabener Art und stelle sie mit aller Kraft vor dein inneres Auge. Stelle dir vor, du habest Erfolg in edlen Dingen. Male dir etwas aus, was von Schönheit und innerem Glanz erfüllt ist.“[2]

Gedanken formen unseren Charakter

Und weiter sagt von Purucker sinngemäß: „Säe einen Gedanken und Du erntest eine Tat, Säe eine Tat und Du wirst eine Gewohnheit ernten, Säe eine Gewohnheit und Du wirst ein Schicksal ernten, da die Gewohnheit den Charakter aufbaut und dadurch das entsprechende Geschick.“

Dies ist die Reihenfolge, die unser Schicksal Leben auf Leben bestimmt: ein Gedanke, eine Tat, eine Gewohnheit, ein Charakter, ein Geschick. Wenn wir unser Leben ändern wollen, liegt in dieser universalen Kausalitätskette unser Ansatz. Alles beginnt mit der Kraft der Gedanken, die unsere Taten verursachen. Und wenn wir unser Leben in neutraler und ehrlicher Weise betrachten, können wir leicht feststellen, dass viele Taten zu Gewohnheiten geführt haben. Durch die Wiederholung der Gedanken und Taten haben wir den entsprechenden Kräften und Wesenheiten Nahrung gegeben, und die quicklebendigen Gedankengesellen kommen gerne wieder, wenn sie bei uns einen reich gefüllten Tisch von Gedankengewohnheiten vorfinden, die sie mögen. Gewohnheiten sind ein Aspekt, der unseren Charakter bildet. Und mit unseren charakteristischen Eigenschaften werden wir auch wieder geboren: mit unserer persönlichen Art zu denken, mit Hilfsbereitschaft und Wohlwollen oder vielleicht auch mit Egoismus und Herzenskälte. Und mit eben diesen charakteristischen Eigenschaften weben wir dann erneut an unserem zukünftigen Geschick, Gedanke für Gedanke, Tat für Tat, jeden Tag und jedes Jahr unseres zukünftigen Lebens.

Wo immer wir auch im jetzigen Moment unserer Entwicklung stehen mögen: Der unendlich erscheinende Gedankenstrom, der aus der Vergangenheit zu uns kommt, wird durch jeden neuen Gedanken ein klein wenig verändert. Das heißt, dass jeder neue Gedanke das Gleichgewicht dieses Gedankenstromes zu Gunsten destruktiver oder zu Gunsten aufbauender Kräfte verändern kann. Wir sind also nicht der Sklave unserer eigenen Gedanken. Je mehr unsere Gedanken harmonisch und im Einklang mit den Gewohnheiten der universalen Natur stehen, desto mehr kommt es zu einem Wechselspiel gegenseitiger Anziehung, die unsere Seele auf den aufbauenden Wogen der Gedankenströme in der Evolution voranschreiten lässt.

Imagination – eine schöpferische Macht

Die Imagination ist ein Mittel, unsere Gedanken zu kontrollieren und uns nicht von den Gedanken beherrschen zu lassen. Katherine Tingley betonte immer wieder die Kraft der richtigen Imagination. Sie schreibt dazu:

„Ich glaube nicht an Wunder, aber ich weiß, dass die Imagination eine wundervolle, schöpferische Macht besitzt und dass sie, wenn wir sie in die höhergeistige und schöpferische Gedankenwelt aufsteigen lassen – und vor diesem Höhenflug nicht zurückschrecken –, das erschaffen kann, was dann wie ein Wunder erscheint. Die Imagination ist jedoch, wie alles andere auch, zweifacher Natur. Auf niederen Richtlinien wirkt sie in ihrer Macht so zerstörend, wie sie auf höheren Richtlinien schöpferisch und aufbauend wirkt.

Gebrauchen wir unsere Vorstellungskraft. Imaginieren wir! Wenn wir in der Vorstellungskraft ein Bild von mächtigen Dingen erschaffen, kommen wir mit einem mystischen Gesetz in Berührung. Wir öffnen dabei in uns ein Tor für neue Kräfte. Machtvolle Energien werden zum Leben erweckt und zur äußeren und inneren Kraftentfaltung aufgerufen. Wird höheres Sehnen empfunden, sollte es durch unsere Vorstellungskraft belebt werden. Machen wir uns ein Bild vom spirituellen Leben, wie jeder weiß, dass es sein sollte, und tragen wir dieses Bild Tag für Tag in uns. Hegen wir dieses in uns als ständigen Begleiter, nehmen es mit zum Frühstück, zum Mittag- und Abendessen, so ist, bevor wir uns versehen, ein neues Leben geboren. Das Ideal ist zum Wirklichen geworden, und wir haben unseren Platz als ein Schöpfer in dem großen göttlichen Plan des Lebens eingenommen.“[3]

Wir denken oft mit unserem Persönlichen, unserem niederen Manas, aber in uns existiert ein höheres Manas, die Kraft, so zu denken wie die Großen der Menschheit, die Buddhas des Mitleids denken. Richtige, selbstlose Imagination ist der Weg, auf ihren Wogen der Gedankenströme mitzudenken. Geben wir den aufbauenden Gedanken Nahrung, und unser Leben wird eine ganz neue Lebensqualität bekommen.

Endnoten:

1 Gottfried von Purucker: Geburt und Wiedergeburt. S. 122 f., ISBN 978-3-924849-36-8.

2 Gottfried von Purucker: Goldene Regeln der Esoterik. S. 48 f., ISBN 978-3-924849-23-8.

3 Katherine Tingley: Der Pfad des Mystikers. S. 38 f., ISBN 978-3-924849-27-6.

Foto: © styf – Fotolia.com

 

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